Sozia­le Sicherheit

Berlin, Bettelnder Kriegsinvalide

In Arti­kel 9 des UN-Sozi­al­pak­tes wird das Recht eines jeden auf sozia­le Sicher­heit aner­kannt und zugleich klar­ge­stellt, dass unter die­sen Begriff auch die Sozi­al­ver­si­che­rung fällt.

Durch Arti­kel 9 des UN-Sozi­al­pak­tes erhält nie­mand ein sub­jek­ti­ves Recht auf Auf­nah­me in irgend­ei­nen Zweig der Sozi­al­ver­si­che­rung. Es wird nicht ein­mal eine völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tung geschaf­fen, die sozia­le Siche­rung gera­de im Wege der Sozi­al­ver­si­che­rung zu verwirklichen.

Der UN-Sozi­al­pakt defi­niert nicht, was mit “sozia­ler Sicher­heit” gemeint ist. Die­ser Begriff ist bis heu­te nicht inter­na­tio­nal all­ge­mein ver­bind­lich fest­ge­legt. Bei der Bera­tung in den zustän­di­gen Gre­mi­en der Ver­ein­ten Natio­nen bestan­den dazu die ver­schie­dens­ten Vor­stel­lun­gen. Der Begriff muss daher aus dem UN-Sozi­al­pakt selbst—unter Berück­sich­ti­gung der Entstehungsgeschichte—ausgelegt wer­den, unab­hän­gig davon, wel­che Bedeu­tung ihm bei uns inner­staat­lich gege­ben wird.

Inso­weit ist zwi­schen dem funk­tio­na­len und dem insti­tu­tio­nel­len Aspekt zu unterscheiden:

Funk­tio­nal kann im Rah­men des UN-Sozi­al­pak­tes zur sozia­len Sicher­heit alles gerech­net wer­den, was dem ein­zel­nen Sicher­heit gegen die gro­ßen Lebensrisiken

  • Krank­heit,
  • Unfall,
  • Alter,
  • Inva­li­di­tät,
  • Arbeits­lo­sig­keit,
  • Ver­lust des Ernährers

gewährt.

Der Begriff der Sozia­len Sicher­heit ist weit auf­zu­fas­sen, und zur Ori­en­tie­rung kann Arti­kel 25 Abs. 1 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te und das Über­ein­kom­men 102 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on die­nen; auf bei­de wur­de in den Bera­tun­gen zu Arti­kel 9 des UN-Sozi­al­pak­tes hin­ge­wie­sen. Die­se wei­te Aus­le­gung des Begriffs der “sozia­len Sicher­heit”, soweit es um den funk­tio­na­len Aspekt geht, führt dazu, dass den Ver­trags­staa­ten des UN-Sozi­al­pak­tes hier weit­ge­hen­de Pflich­ten auf­er­legt wer­den, die aller­dings nur “fort­schrei­tend” im Sin­ne von Arti­kel 2 Absatz 1 des UN-Sozi­al­pak­tes ver­wirk­licht zu wer­den brauchen.

Auch insti­tu­tio­nell ist der Begriff der “sozia­len Sicher­heit” weit aus­zu­le­gen. Dies aber führt dazu, dass den Mit­glied­staa­ten ein wei­ter Spiel­raum offen steht, auf wel­che Wei­se sie die “sozia­le Sicher­heit” im Sin­ne die­ses Pak­tes ver­wirk­li­chen wollen.

Als zuläs­si­ge Mit­tel kom­men hier neben den her­kömm­li­chen Sys­te­men der Sozi­al­ver­si­che­rung und der Ver­sor­gung auch gewis­se Sozi­al­leis­tun­gen in Betracht, die in der inner­staat­li­chen Dis­kus­si­on und in eini­gen ande­ren inter­na­tio­na­len Instru­men­ten nicht bei Rege­lun­gen der sozia­len Sicher­heit ein­be­zo­gen wer­den, weil sie nur auf Grund einer Bedürf­tig­keits­prü­fung gewährt werden.

Uner­läss­li­che Vor­aus­set­zun­gen für ihre Berück­sich­ti­gung im Rah­men die­ses Pak­tes ist aber, dass gesetz­lich auf die­se Leis­tun­gen ein Rechts­an­spruch besteht, der gege­be­nen­falls auch gericht­lich durch­setz­bar ist.

Dies trifft im deut­schen Recht z. B. für die wich­tigs­ten Leis­tun­gen nach dem dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch – Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de – und dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch – Sozi­al­hil­fe – zu, die inso­weit die Leis­tun­gen der Sozi­al­ver­si­che­rung und ande­re Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit abrun­den und ergänzen.

Für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sind an inter­na­tio­na­len Instru­men­ten im Bereich der sozia­len
Sicher­heit verbindlich:

  • Über­ein­kom­men 19 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über die Gleich­be­hand­lung ein­hei­mi­scher und aus­län­di­scher Arbeit­neh­mer bei Ent­schä­di­gung aus Anlass von Betriebsunfällen;
  • Über­ein­kom­men 102 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über Min­dest­nor­men der sozia­len Sicherheit;
  • Über­ein­kom­men 118 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über die Gleich­be­hand­lung von Inlän­dern und Aus­län­dern in der sozia­len Sicherheit;
  • Über­ein­kom­men 121 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über Leis­tun­gen bei Arbeits­un­fäl­len und Berufskrankheiten;
  • Über­ein­kom­men 128 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über Leis­tun­gen bei Alter, Inva­li­di­tät und an Hinterbliebene;

Für den Bereich des Euro­pa­ra­tes bestehen inso­weit – für die Bun­des­re­pu­blik ver­bind­lich – eben­falls meh­re­re Abkommen:

  • das Euro­päi­sche Abkom­men über Sozia­le Sicherheit;
  • die Euro­päi­sche Ord­nung der sozia­len Sicherheit;
  • Arti­kel 12 und 13 der Sozi­al­char­ta, wo aller­dings der Begriff der “sozia­len Sicher­heit” enger ver­stan­den und die Für­sor­ge geson­dert gere­gelt wird; die­se wird auch im
  • Euro­päi­schen Für­sor­ge­ab­kom­men behandelt

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist fer­ner mit zahl­rei­chen Staa­ten durch zwei- oder mehr­sei­ti­ge Abkom­men auf dem Gebiet der sozia­len Sicher­heit ver­bun­den. Die Abkom­men ent­hal­ten Rege­lun­gen zum Recht auf sozia­le Sicher­heit von Per­so­nen, die nicht nur in ihrem Hei­mat­staat, son­dern auch in dem einen oder in den meh­re­ren ande­ren Ver­trags­staa­ten arbei­ten oder gear­bei­tet haben und den Sys­te­men der sozia­len Sicher­heit die­ser Staa­ten ange­hö­ren oder ange­hört haben, sowie von Per­so­nen, die dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit des einen Staa­tes ange­hö­ren oder ange­hört haben und für die Leis­tun­gen aus die­sem Sys­tem in Betracht kom­men, wäh­rend sie sich im Gebiet eines ande­ren Staa­tes aufhalten.

Die Abkom­men erstre­cken sich im all­ge­mei­nen auf die Sys­te­me der Leis­tun­gen bei Krank­heit und Mut­ter­schaft, Arbeits­un­fall und Berufs­krank­heit, Inva­li­di­tät, Alter und zuguns­ten der Hin­ter­blie­be­nen, Arbeits­lo­sig­keit sowie auf die Familienbeihilfen.

Inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on – bzw. inner­halb ihres Vor­gän­gers, der Euro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft – wur­den die zwi­schen den Mit­glied­staa­ten bestehen­den zwei­sei­ti­gen Ver­trä­ge über sozia­le Sicher­heit bis auf weni­ge Aus­nah­men durch Ver­ord­nun­gen der EWG bzw. der EU ersetzt.

Arti­kel 9
Die Ver­trags­staa­ten erken­nen das Recht eines jeden auf Sozia­le Sicher­heit an; die­se schließt die Sozi­al­ver­si­che­rung ein.

Bild­quel­len:

  • Ber­lin, Bet­teln­der Kriegs­in­va­li­de: Bun­des­ar­chiv, Bild 146−1972−062−01 | CC BY-SA 3.0 Unported

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